
Katja Wulff-Anlage, Basler Strassenschild. Bild: Justiz- und Sicherheitsdepartement des Kantons Basel-Stadt
Eine Grünanlage auf dem neuen Areal Walkeweg in Basel ist Katja Wulff, einer Pionierin des modernen Ausdruckstanzes gewidmet.
Die Medienmitteilung des Basler Justiz- und Sicherheitsdepartements, die den entsprechenden Entscheid der Nomenklaturkommission kommunizierte, liegt bereits einige Jahre zurück. Inzwischen existiert eine Visualisierung, wie die
Katja Wulff gewidmete Anlage auf dem neuen Areal zwischen Wolfgottesacker und Walkeweg dereinst aussehen könnte. Doch wer war Katja Wulff und welche Rolle spielte sie in Basels Kulturleben?
In Hamburg 1890 geboren und aufgewachsen, entschied sich Katja oder auch Käthe Wulff zu einer Ausbildung als Zeichen- und Turnlehrerin. «Ihr Interesse am Tanz wurde erst relativ spät beim Tanzunterricht bei Gertrud Falke, einer talentierten Tänzerin und Freundin in den Jahren 1913/1914 geweckt. Falke war es auch, die Wulff anfragte, ob sie nicht Lust hätte, zum Ferienkurs bei Rudolf von Laban in dessen Schule für Bewegungskunst auf dem Monte Verità (…) mitzukommen.» Von Rudolf von Laban und Mary Wigman gefördert, entschied sie sich nach der Zeit auf dem Monte Verità und einem längeren Aufenthalt in Hamburg, im Juni 1916 nach Zürich zu ziehen, um bald darauf auch aktiv, nicht so sehr als Tänzerin, sondern als Rezitatorin von Gedichten und Texten, bei Dada Zürich beteiligt zu sein.

Tanzgruppe Katja Wulff in der Tanzsuite nach Musik von Alfredo Casella, 1927. Foto: Carl Hoffmann
Nach dem Ersten Weltkrieg – Rudolf von Laban war nach Deutschland zurückgekehrt – gründete sie zusammen mit Suzanne Perrottet die «Schule für Eurythmie» als Nachfolge-Institution der Laban-Schule. Doch die beiden Frauen waren von ihrer Ausrichtung her zu unterschiedlich, die Zusammenarbeit funktionierte nicht. So zog Katja Wulff nach Capri und Positano, wo sie während drei Jahren unterrichtete und auftrat, bis sie 1923 in Basel ihre eigene Schule gründete, die sich zunächst an der Wallstrasse und ab 1925 an der Rheinschanze befand. Zu ihren ersten Schülerinnen zählten Trix Gutekunst, Marie-Eve Kreis, Mariette von Meyenburg, Lisa Mutschelknaus, Lili Fleischmann und Annemarie Nadolny, bis heute bekannte Namen der Basler Tanzszene. 1926 gründete Katja Wulff zusammen mit ihrer Meisterschülerin Mariette von Meyenburg die Tanzgruppe «Tanzstudio Wulff».
Im Februar 1927 wurde am Stadttheater Basel eine Tanzsuite nach der Musik von Alfredo Casella und Vittorio Rietis Ballett «Barabau» aufgeführt. Das Basler Kammerorchester stand unter der Leitung von Paul Sacher. Im darauffolgenden Herbst und Winter folgten fünf Studienabende im Blauen Saal der Mustermesse «über die verschiedenen Elemente des modernen Bühnentanzes: Tanz mit Geräuschinstrumenten; stummer Tanz/Gestentanz; Tanz mit Musik; Kostüm- und Maskentanz sowie Tanz mit Raumverwandlung». Im Juni 1928 zeigte die Tanzgruppe am Zweiten Deutschen Tänzerkongress in Essen eine eigene Version des Dada-Balletts «Parade», das ursprünglich in den Jahren 1916/1917 von Jean Cocteau und mit der Musik von Eric Satie für Sergei Diagilews «Ballets Russes» kreiert wurde. Neben all diesen Aktivitäten träumte Katja Wulff auch von einem nach ihren Wünschen erbauten Ort für ihre Schule.

Katja Wulff tanzend. Foto: Carl Hoffmann

Tanzgruppe Katja Wulff im Ballett Barabau, 1927, Foto: Carl Hoffmann
Dafür gründete sie 1929 den «Verein Freunde der Labanschule Käthe Wulff Basel» mit dem Zweck der Förderung und Finanzierung eines Bauprojektes für eine Laban-Schule mit Wohnung an der Hirzbrunnenallee. Für den Bau gelang es ihr das Architekturbüro Artaria und Schmidt zu gewinnen, das auch erste Entwurfsskizzen anfertigte. Das Projekt scheiterte schliesslich aufgrund fehlender finanzieller Mittel. Doch Katja Wulff resignierte nicht und machte weiter. Anfangs der 1930er Jahre zeigte die Tanzgruppe Wulff am Tänzerkongress in München und später in Zürich und Basel Francis Picabias Ballett «Relâche» mit der Musik Eric Saties, zu der Max Bill die Plakate entworfen hatte. Für Katja Wulff war die Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern eine Selbstverständlichkeit. Bereits auf dem Monte Verità lernte sie Sophie Taeuber und Hans Arp kennen, eine Freundschaft, die sich während Dada Zürich vertiefte. Auch in Basel verkehrte sie in verschiedenen Künstlerzirkeln. So in der Gruppe «Rot-Blau» und der «Gruppe 33», zu der unter anderen Meret Oppenheim, Paul Artaria, Hermann Eidenbenz und Max Sulzbachner gehörten, mit denen sie auch in verschiedenen Projekten zusammenarbeitete. Ab Mitte der 1930er Jahre überliess Katja Wulff die Bühne zunehmend ihren Schülerinnen und widmete sich der Organisation der Tanzgruppe und der Ausbildung von Laien. Dazu schrieb sie: «Ich habe den Wunsch, an möglichst viele den Gedanken über die Welt des Tanzes heranzutragen, weil ich von Notwendigkeit und Wert überzeugt bin.»
Fortan lebte Katja Wulff für ihre eigene Schule, die sie ab 1947 an der Augustinergasse 3 betrieb und dort zunehmend Laien unterrichtete. Auch meine Mutter besuchte jeweils am Donnerstagabend ihre Gymnastikstunden und ermöglichte mir Ende der 1980er Jahre einen Besuch, wo ich sie in ihrem Studio traf und sie mir von ihrer Zeit auf dem Monte Verità und während Dada Zürich erzählte. Katja Wulff wurde 102 Jahre alt. Ihren hundertsten Geburtstag feierte sie bereits im Basler Felix Platter Spital, wo sie die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte.
2001 würdigte das Tanzbüro Basel und die IG Tanz Basel Katja Wulff mit einer Publikation, einer Ausstellung und der Veranstaltung «Wer hat Katja Wulff tanzen gesehen?» vor ihrer ehemaligen Wohnung an der Augustinergasse, wo bis heute eine Gedenktafel an sie erinnert. Katja Wulff, ihre Tanzgruppe, aber auch einige ihrer Schülerinnen, Mariette von Meyenburg und Marie-Eve Kreis beispielsweise, prägten während Jahrzehnten die Basler Tanzszene und schufen die Basis und das Verständnis, dass moderner Tanz in Basel bis heute umfassend und intensiv wahrgenommen wird. Welch guter Entscheid der Nomenklaturkommission der Stadt Basel, der Grande Dame des modernen Tanzes eigens eine Anlage zu widmen, wo selbstverständlich auch getanzt werden darf.

Tanzgruppe Katja Wulff in Parade, vermutlich 1932. Fotograf: unbekannt.
Die Publikation von Bettina Zeugin über Katja Wulff ist unter info@simonbaur.ch erhältlich. Sie kostet CHF 10.- (incl. Versand).
Text: Simon Baur
Eine Grünanlage auf dem neuen Areal Walkeweg in Basel ist Katja Wulff, einer Pionierin des modernen Ausdruckstanzes gewidmet.
Die Medienmitteilung des Basler Justiz- und Sicherheitsdepartements, die den entsprechenden Entscheid der Nomenklaturkommission kommunizierte, liegt bereits einige Jahre zurück. Inzwischen existiert eine Visualisierung, wie die
Katja Wulff gewidmete Anlage auf dem neuen Areal zwischen Wolfgottesacker und Walkeweg dereinst aussehen könnte. Doch wer war Katja Wulff und welche Rolle spielte sie in Basels Kulturleben?

Katja Wulff-Anlage, Basler Strassenschild. Bild: Justiz- und Sicherheitsdepartement des Kantons Basel-Stadt
In Hamburg 1890 geboren und aufgewachsen, entschied sich Katja oder auch Käthe Wulff zu einer Ausbildung als Zeichen- und Turnlehrerin. «Ihr Interesse am Tanz wurde erst relativ spät beim Tanzunterricht bei Gertrud Falke, einer talentierten Tänzerin und Freundin in den Jahren 1913/1914 geweckt. Falke war es auch, die Wulff anfragte, ob sie nicht Lust hätte, zum Ferienkurs bei Rudolf von Laban in dessen Schule für Bewegungskunst auf dem Monte Verità (…) mitzukommen.» Von Rudolf von Laban und Mary Wigman gefördert, entschied sie sich nach der Zeit auf dem Monte Verità und einem längeren Aufenthalt in Hamburg, im Juni 1916 nach Zürich zu ziehen, um bald darauf auch aktiv, nicht so sehr als Tänzerin, sondern als Rezitatorin von Gedichten und Texten, bei Dada Zürich beteiligt zu sein.

Tanzgruppe Katja Wulff in der Tanzsuite nach Musik von Alfredo Casella, 1927. Foto: Carl Hoffmann
Nach dem Ersten Weltkrieg – Rudolf von Laban war nach Deutschland zurückgekehrt – gründete sie zusammen mit Suzanne Perrottet die «Schule für Eurythmie» als Nachfolge-Institution der Laban-Schule. Doch die beiden Frauen waren von ihrer Ausrichtung her zu unterschiedlich, die Zusammenarbeit funktionierte nicht. So zog Katja Wulff nach Capri und Positano, wo sie während drei Jahren unterrichtete und auftrat, bis sie 1923 in Basel ihre eigene Schule gründete, die sich zunächst an der Wallstrasse und ab 1925 an der Rheinschanze befand. Zu ihren ersten Schülerinnen zählten Trix Gutekunst, Marie-Eve Kreis, Mariette von Meyenburg, Lisa Mutschelknaus, Lili Fleischmann und Annemarie Nadolny, bis heute bekannte Namen der Basler Tanzszene. 1926 gründete Katja Wulff zusammen mit ihrer Meisterschülerin Mariette von Meyenburg die Tanzgruppe «Tanzstudio Wulff».
Im Februar 1927 wurde am Stadttheater Basel eine Tanzsuite nach der Musik von Alfredo Casella und Vittorio Rietis Ballett «Barabau» aufgeführt. Das Basler Kammerorchester stand unter der Leitung von Paul Sacher. Im darauffolgenden Herbst und Winter folgten fünf Studienabende im Blauen Saal der Mustermesse «über die verschiedenen Elemente des modernen Bühnentanzes: Tanz mit Geräuschinstrumenten; stummer Tanz/Gestentanz; Tanz mit Musik; Kostüm- und Maskentanz sowie Tanz mit Raumverwandlung». Im Juni 1928 zeigte die Tanzgruppe am Zweiten Deutschen Tänzerkongress in Essen eine eigene Version des Dada-Balletts «Parade», das ursprünglich in den Jahren 1916/1917 von Jean Cocteau und mit der Musik von Eric Satie für Sergei Diagilews «Ballets Russes» kreiert wurde. Neben all diesen Aktivitäten träumte Katja Wulff auch von einem nach ihren Wünschen erbauten Ort für ihre Schule.

Katja Wulff tanzend. Foto: Carl Hoffmann
Dafür gründete sie 1929 den «Verein Freunde der Labanschule Käthe Wulff Basel» mit dem Zweck der Förderung und Finanzierung eines Bauprojektes für eine Laban-Schule mit Wohnung an der Hirzbrunnenallee. Für den Bau gelang es ihr das Architekturbüro Artaria und Schmidt zu gewinnen, das auch erste Entwurfsskizzen anfertigte. Das Projekt scheiterte schliesslich aufgrund fehlender finanzieller Mittel. Doch Katja Wulff resignierte nicht und machte weiter. Anfangs der 1930er Jahre zeigte die Tanzgruppe Wulff am Tänzerkongress in München und später in Zürich und Basel Francis Picabias Ballett «Relâche» mit der Musik Eric Saties, zu der Max Bill die Plakate entworfen hatte. Für Katja Wulff war die Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern eine Selbstverständlichkeit. Bereits auf dem Monte Verità lernte sie Sophie Taeuber und Hans Arp kennen, eine Freundschaft, die sich während Dada Zürich vertiefte. Auch in Basel verkehrte sie in verschiedenen Künstlerzirkeln. So in der Gruppe «Rot-Blau» und der «Gruppe 33», zu der unter anderen Meret Oppenheim, Paul Artaria, Hermann Eidenbenz und Max Sulzbachner gehörten, mit denen sie auch in verschiedenen Projekten zusammenarbeitete. Ab Mitte der 1930er Jahre überliess Katja Wulff die Bühne zunehmend ihren Schülerinnen und widmete sich der Organisation der Tanzgruppe und der Ausbildung von Laien. Dazu schrieb sie: «Ich habe den Wunsch, an möglichst viele den Gedanken über die Welt des Tanzes heranzutragen, weil ich von Notwendigkeit und Wert überzeugt bin.»

Tanzgruppe Katja Wulff im Ballett Barabau, 1927, Foto: Carl Hoffmann
Fortan lebte Katja Wulff für ihre eigene Schule, die sie ab 1947 an der Augustinergasse 3 betrieb und dort zunehmend Laien unterrichtete. Auch meine Mutter besuchte jeweils am Donnerstagabend ihre Gymnastikstunden und ermöglichte mir Ende der 1980er Jahre einen Besuch, wo ich sie in ihrem Studio traf und sie mir von ihrer Zeit auf dem Monte Verità und während Dada Zürich erzählte. Katja Wulff wurde 102 Jahre alt. Ihren hundertsten Geburtstag feierte sie bereits im Basler Felix Platter Spital, wo sie die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte.
2001 würdigte das Tanzbüro Basel und die IG Tanz Basel Katja Wulff mit einer Publikation, einer Ausstellung und der Veranstaltung «Wer hat Katja Wulff tanzen gesehen?» vor ihrer ehemaligen Wohnung an der Augustinergasse, wo bis heute eine Gedenktafel an sie erinnert. Katja Wulff, ihre Tanzgruppe, aber auch einige ihrer Schülerinnen, Mariette von Meyenburg und Marie-Eve Kreis beispielsweise, prägten während Jahrzehnten die Basler Tanzszene und schufen die Basis und das Verständnis, dass moderner Tanz in Basel bis heute umfassend und intensiv wahrgenommen wird. Welch guter Entscheid der Nomenklaturkommission der Stadt Basel, der Grande Dame des modernen Tanzes eigens eine Anlage zu widmen, wo selbstverständlich auch getanzt werden darf.

Tanzgruppe Katja Wulff in Parade, vermutlich 1932. Fotograf: unbekannt.
Die Publikation von Bettina Zeugin über Katja Wulff ist unter info@simonbaur.ch erhältlich. Sie kostet CHF 10.- (incl. Versand).
Text: Simon Baur